Im Verlauf des Jahres 1942 sah sich das Alliierte Oberkommando mit der akademischen wie operativen Notwendigkeit konfrontiert, die Methoden der taktischen Aufklärung und Erdkampfunterstützung über dem besetzten westeuropäischen Kontinent grundlegend zu modernisieren. Das britische Army Co-operation Command stützte sich bis zu diesem Zeitpunkt maßgeblich auf leistungsmäßig limitierte Flugzeugmuster wie die Westland Lysander oder die Curtiss Tomahawk, deren Überlebensfähigkeit gegenüber der modernen Luftverteidigung der Wehrmacht zunehmend schrumpfte (2).
Mit dem Zulauf der ersten serienmäßigen North American Mustang Mk I (NA-73) bei Verbänden wie der No. 26 Squadron und der No. 268 Squadron ab Frühjahr 1942 wandelte sich das einsatztaktische Spektrum der Royal Air Force (RAF) jedoch gravierend (2). Die Entstehungsgeschichte der Zelle beruhte auf einer britischen Beschaffungsspezifikation aus dem Jahr 1940, in deren Folge der Prototyp NA-73X von North American Aviation in der Rekordzeit von 117 Tagen konstruiert und gefertigt wurde (2).
Die operative Leistungsfähigkeit der Allison-Mustang
In der Luftfahrthistorie wird die mit dem V12-Motor Allison V-1710-39 ausgestattete Mustang Mk I häufig fälschlicherweise als leistungsschwaches Flugzeug charakterisiert
(7). Zwar schränkte der einstufige Kompressor des Allison-Triebwerks die Leistungsentfaltung oberhalb einer Volldruckhöhe von 15.000 ft stark ein, jedoch dominierte das Muster in niedrigen Flughöhen die zeitgenössischen Konkurrenzentwürfe in nahezu allen flugmechanischen Parametern
(2). Der innovative laminare Tragflächenflügel reduzierte den Profilwiderstand beträchtlich und ermöglichte in Kombination mit den internen Rumpf- und Flächentanks eine Kapazität von 681 Liter Kraftstoff
(4). Damit erzielte die Mustang Mk I eine Einsatzreichweite von etwa 1.200 km, ohne auf strömungsungünstige externe Zusatzbehälter zurückgreifen zu müssen
(4). Zugleich bot die Bewaffnung aus vier .50-Caliber- und vier .30-Caliber-Maschinengewehren – beziehungsweise vier 20-mm-Hispano-Maschinenkanonen bei der Variante Mk IA – eine erhebliche Feuerkraft für Tiefangriffe
(4).
| Parameter |
Mustang Mk I (NA-73) |
Supermarine Spitfire Mk Vb |
Focke-Wulf Fw 190 A-3 |
Curtiss Tomahawk Mk II |
| Triebwerk |
Allison V-1710-39 (1.120 PS) |
Rolls-Royce Merlin 45 (1.470 PS) |
BMW 801 D-2 (1.700 PS) |
Allison V-1710-33 (1.040 PS) |
| Höchstgeschwindigkeit (Tiefflug) |
316 mph (508 km/h) bei Meereshöhe |
282 mph (454 km/h) bei Meereshöhe |
335 mph (539 km/h) bei Meereshöhe |
285 mph (459 km/h) bei Meereshöhe |
| Interne Treibstoffkapazität |
180 US gal (681 L) |
85 Imp gal (386 L) |
143 Imp gal (640 L) |
148 US gal (560 L) |
| Einsatzreichweite (ohne Extratank) |
750 miles (1.207 km) |
470 miles (756 km) |
500 miles (800 km) |
500 miles (805 km) |
| Bewaffnung |
- 4x 12,7 mm (.50 in) MG
- 4x 7,62 mm (.30 in) MG
|
- 2x 20 mm Hispano Mk II
- 4x 7,7 mm (.303 in) MG
|
- 2x 20 mm MG FF/M
- 2x 20 mm MG 151/20
- 2x 7,92 mm MG 17
|
- 2x 12,7 mm (.50 in) MG
- 4x 7,7 mm (.303 in) MG
|
Der Fernaufklärungsschlag gegen das deutsche Reichsgebiet am 27. Juli 1942
Am 27. Juli 1942 führten 16 Mustangs der RAF eine weiträumige Aufklärungs- und Angriffsoperation durch, bei der sie als erste einmotorige Jagdflugzeuge des Fighter/Army Co-operation Command die Reichsgrenze überflogen und Bodenziele im Raum Dortmund angriffen. Dieser Vorstoß überraschte die deutsche Luftverteidigung vollkommen, da das Oberkommando der Luftwaffe ein Vordringen einmotoriger alliierter Jäger in dieser Tiefe des Hinterlandes ohne externe Zusatztanks für unmöglich hielt
(1). Im Hochgeschwindigkeits-Tiefflug unterflogen die britischen Formationen das deutsche Frühwarnradar, griffen gezielt Infrastrukturobjekte wie Binnenschiffe auf dem Dortmund-Ems-Kanal an und kehrten mit präzisem Fotomaterial zu ihren Heimatbasen zurück. Spätere Einsätze dieser Art demonstrierten nachhaltig die Eignung der Mustang für die Taktische Aufklärung (Tac R) sowie für das systematische Bestreichen gegnerischer Nachschublinien
(5).
Die Operation Jubilee: Taktische Luftaufklärung über Dieppe
Beim kombinierten Landungsunternehmen bei Dieppe am 19. August 1942 (
Operation Jubilee) kam der Allison-Mustang eine Schlüsselrolle bei der Lageerfassung zu
(1). Vier spezialisierte Mustang-Staffeln – No. 26 Squadron und No. 239 Squadron der RAF sowie No. 400 Squadron und No. 414 Squadron der Royal Canadian Air Force (RCAF) – flogen kontinuierliche Einsätze über den Invasionsstränden und den Heranmarschwegen im französischen Hinterland
(1). Durch den Einbau von vertikalen und schrägen F.24-Aufklärungskameras lieferten die Piloten dem Alliierten Oberkommando nahezu im Minutentakt Aufnahmen der Gefechtslage
(1). Diese kontinuierliche Luftpräsenz verlangsamte den Vorstoß deutscher Verstärkungen erheblich und ermöglichte die rechtzeitige Identifikation gegnerischer Artilleriestellungen
(1).
| Staffel |
Teilstreitkraft |
Hauptsächliches Einsatzprofil |
Taktische Resultate / Besondere Erfolge |
| No. 26 Squadron |
RAF |
Taktische Aufklärung, Erdkampfeinsätze |
Überwachung der Anmarschwege deutscher Reserven |
| No. 239 Squadron |
RAF |
Nahunterstützung, Strandbeobachtung |
Übermittlung von Fotomaterial im Minutentakt an den Führungsstab |
| No. 400 Squadron |
RCAF |
Aufklärung im Hinterland, Tiefangriffe |
Ortung deutscher Panzerspitzen und Artilleriestellungen |
| No. 414 Squadron |
RCAF |
Taktische Aufklärung (Tac R), Jagdschutz |
Erster Luftsieg einer Mustang durch F/O Hollis Hills gegen Fw 190 |
Der historische Luftsieg durch Flying Officer Hollis Hills
Während der heftigen Luftkämpfe über Dieppe erzielte Flying Officer Hollis Henry Hills von der kanadischen No. 414 Squadron RCAF den ersten bestätigten Luftsieg auf einer Mustang überhaupt
(1). Hills, ein US-amerikanischer Freiwilliger im Dienst der RCAF, befand sich zusammen mit seinem Schwarmführer Flight Lieutenant Fred E. Clarke auf einem Tiefaufklärungseinsatz nahe der Küste
(10). Als ihre Formation von drei Focke-Wulf Fw-190 abgefangen wurde und die deutsche Führende die Maschine von Clarke schwer traf, griff Hills trotz eines Funkausfalls entschlossen in das Gefecht ein
(13). Nach einem Vorhaltewinkelschuss auf den Führenden attackierte er die zweite Fw-190 aus kurzer Distanz, woraufhin das deutsche Jagdflugzeug mit brennendem Triebwerk abstürzte
(17). Dieser Luftsieg bewies nachdrücklich, dass die Mustang Mk I im tiefen Luftraum selbst den modernsten Kolbenmotorjägern der Luftwaffe gewachsen war
(7).
Die operativen Erfahrungen des Sommers 1942 widerlegten die anfängliche Skepsis gegenüber dem Entwurf von North American Aviation und führten zu einer grundlegenden Neubewertung der Zelle im alliierten Stab
(7). Die nachgewiesene Schockwirkung tiefer Vorstöße nach Deutschland sowie die Verlässlichkeit des Musters bei der Taktischen Aufklärung zeigten das distributive Potenzial der Zelle auf.
Die systematische Auswertung dieser Einsätze veranlasste das Army Co-operation Command zur Standardisierung seiner Tac-R-Verfahren und erweckte zeitgleich das gesteigerte Interesse der United States Army Air Forces
(5). Die Erkenntnis, dass die aerodynamische Güte des Rumpfes lediglich durch die Höheneigenschaften des Allison-Triebwerks limitiert wurde, bildete schließlich die direkte Katalysatorwirkung für die spätere Integration des Rolls-Royce Merlin-Motors
(4). Daraus gingen mit den Serien P-51B, C und D die entscheidenden Langstreckenbegleitjäger des Zweiten Weltkriegs hervor
(4).
Teile deine Hangar-Stories mit uns!
Dieser Artikel hat gezeigt, wie dramatisch und taktisch essenziell die ersten Einsätze der Mustang für das RAF Fighter/Army Co-operation Command und über den Stränden von Dieppe waren. Hollis Hills' erster Luftsieg war ein Meilenstein für eine Legende.
Aber jetzt bist du gefragt!
- Hast du Hollis Hills' Mustang Mk I (AG345) oder eine andere frühe Allison-Mustang bereits als Modell umgesetzt?
- Welche Erfahrungen hast du beim Bau gemacht (z. B. mit den Accurate Miniatures-Formen)?
- Wie hast du die spezifische Bewaffnung der Mk I (die 8 MGs) dargestellt?
Schreib es uns unten in die Kommentare! Wir freuen uns riesig auf deine Bilder, Tipps und eine spannende Diskussion über diese faszinierende Ära der Luftfahrt und des Modellbaus.
Bis zum nächsten Update aus dem Hangar,
Euer The Plastic Aviator
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen